Arbeitstitel: Amulett - 1

Es war ein schwüler Sommer in Wien. Damals flog meine Familie jedes Jahr zu dieser Zeit in den Urlaub. Im vorangegangenen Jahr waren wir in Thailand gewesen und diesen Sommer hatte ich mir Australien aussuchen dürfen. Sobald das Eis auf den Seen geschmolzen war, hatte ich einen Tauchkurs begonnen und voller Eifer die Prüfung bestanden. Ich hatte Bücher über Australien gelesen und bereits Orte gefunden, wo ich gute Tauchausrüstung ausleihen konnte. Vor einem Monat hatte mein Vater dann nicht die Tickets gekauft und über den Grund schwiegen meine Eltern beharrlich. Unser Urlaub ging dann nicht nach Australien, sondern zu dem Häuschen meiner Großmutter am Fuschl See. Meine Mutter flötete mir gespielt fröhlich im Auto zu: "Mäuschen, im Fuschl See wirst du bestimmt auch tauchen können." Sie drehte sich dabei auf dem Beifahrersitz zu mir um und sah mich mit einem Lächeln, das nicht ganz zu ihren Augen reichte, an. Ihre schwarzen Locken wippten von ihrer Bewegung. Ich machte grosse Augen und sprach mit einer hohen Stimme, die sich sehr kindlich anhörte. "Meinst du, dass es dort anderen Schlamm zu sehen gibt, meinst du wirklich?" Enttäuscht drehte sich meine Mutter wieder weg, ich sah noch, wie sie die Lippen zusammen presste und die Hände auf ihren Oberschenkeln ballte. Es tat mir leid, sie so angefahren zu haben, doch auch ich war enttäuscht und genervt. Wir standen seit zwei Stunden im Stau. Die Sonne heizte das Auto ungemütlich auf und mein Vater war still wie ein Fisch und zog dabei eine stoische und gleichzeitig zutiefst unglückliche Miene. Nach vier Stunden unbehaglichen Schweigens kamen wir bei dem Haus meiner Grossmutter an. Noch geschafft von der langen Autofahrt und genervt von meinen Urlaubsaussichten postete ich auf Facebook: >>Urlaub bei Omi... Gibt's was faderes? =.="<< . Beim Aussteigen warf ich einen Blick auf meine Seite und hatte schon zehn "Likes" auf meinen Post. Das Haus stand auf einem kleinen Hügel fernab von allen Menschen. Das Grundstück war von Bäumen umsäumt und Wiesen grenzten an allen Seiten an. Die einzigen Nachbarn waren Bauern, ungefähr einen Kilometer weit weg auf einem großen Hof und die kleine Familie, die ein Haus direkt am Wasser hatte, doch durch die Bäume nicht zu sehen waren. Wenn man links an dem Haus aus Stein und Holz vorbeisah, blickte man auf einen Streifen glitzernden Wassers, das sich in der untergehenden Sonne rot färbte. Plötzlich ertönte ein Freudenschrei. Er klang wie das Krähen eines Raben im Herbst und gleichzeitig wie ein Glockenspiel, ich liebte Lisbeths Lachen. Sie strahlte uns an und kam auf uns zu gerauscht. Ihr Körper wurde von einer wehenden Seidentunika, die sie aus ihrem Urlaub in Indien mitgebracht hatte, umweht und wirkte gleichzeitig aufgelöst, aber auch massiger, als er in Wirklichkeit war. Meine Großmutter war eine kleine Frau mit rostroten Haaren und grünen Augen, die immer vor Schalk blitzten. Sie war aber auch esoterisch angehaucht und liebte Yoga und Räucherstäbchen. Gleichzeitig aß sie aber für ihr Leben gerne Fleisch und glaubte nicht an Weltfrieden und daran, dass sich alle Menschen irgendwann verstehen würden. Lisbeth war eine faszinierende Frau. Eine liebende Großmutter, sie konnte aber auch sehr streng sein. Während sie meine Eltern mit ihrer überschwänglichen Art begrüßte und ihr Gesicht vor lauter Freude noch mehr feine Falten warf, kommentierte ich schnell meinen eigenen Post: "Aber wisst ihr was? Oma ist die aller Beste!! ". Danach war ich endlich dran. Sie drückte mich und hob mich leicht vom Boden, strahlte über mein Aussehen und schimpfte darüber, dass ich schon Schminke benutzte. Unsere kleine Gruppe wurde von ihr schließlich ins Haus geführt, mein armer Vater musste das Gepäck tragen. Als Lisbeth die Türe aufmachte, redete sie ununterbrochen über die Schulter hinweg mit uns. So erzählte sie, dass ihre Nachbarn  auf Urlaub seien und wir daher den ganzen Badebereich für uns hätten. Außerdem hätte sie sich den Grill eben dieser Nachbarn geliehen, damit wir ein kleines Fest für uns geben könnten. Danach folgte eine komplizierte und wenig spannende Aufzählung all der Sachen, die sie zum Essen gekauft hatte und kaufen würde und was sie damit plante. Mir wurde dabei leicht übel, da ich noch gut wusste, wie schwer es mir nach meinem letzten Besuch bei ihr gegangen war, die Kilo wieder los zu werden, die ich mir hier in harter Arbeit angefuttert hatte.     Der restliche Tag verlief ruhig. Wir packten aus und anschließend aßen wir im Wintergarten, mit Blick auf den See, Fisch und Gemüse. Nach dem Essen schickte mich mein Vater aus dem Zimmer. Er hatte es noch nie geschafft, etwas geheim zu halten und war auch wirklich nicht sehr gut darin, etwas unauffällig zu machen. So aus dem Zimmer geworfen, war mein Interesse geweckt. Ich ging ohne zu murren und schloss brav die Türe hinter mir. Ein paar Schritte machte ich in den Gang hinein, bevor ich leise zurück huschte und mein Ohr gegen das Holz drückte. Ich hörte, wie meine Mutter mit den Fingern auf dem Tisch trommelte und wie Vater sich die Wange kratzte, auf der sich bereits Bartstoppeln abzeichneten. Gewänder raschelten und ein Stuhl wurde zurecht gerückt. Danach Stille. Keiner der Erwachsenen sprach ein Wort und ich stellte mir vor, wie das Schweigen sich über ihren Köpfen zu einer Wolke verdichten würde. Wie sich diese Wolke um die drei ausbreiten und sie alle einhüllen würde, bis sie sogar unter dem Türritz hindurch käme und in schweren nebeligen Wellen über den Boden kröche. Meine Phantasie war so lebendig, dass ich tatsächlich schon sah, wie Nebel den Boden bedeckte. Dann begann endlich meine Mutter zu sprechen und der Dunst verschwand. "Können wir Thea bei dir lassen für den Sommer? Ihre Ferien enden Mitte September und wir hoffen, dass wir bis dahin alles geregelt haben." Sie sprach langsam und seltsam beherrscht, als müsse sie an sich halten, um nicht zu weinen. "Ihr wollt sie also hier abschieben und verheimlichen, was vor sich geht? Sie wird es früher oder später sowieso erfahren und leiden wird sie unter eurer Entscheidung auch, egal was ihr macht und wenn ihr Thea ans Ende der Welt schafft!", Lisbeth klang sehr wütend und ich konnte mir gut vorstellen, wie sich ihre Augenbrauen nun zusammenzogen und eine strenge Linie bildeten, die in der Mitte durch eine tiefe Sorgenfalte geteilt wurde. Ihre Augen funkelten sicher gefährlich und ihren Mund presste sie immer, wenn sie böse war, zusammen, bis alles Blut aus ihren Lippen gewichen war. Eingeschüchtert hüstelte mein Vater. "Lisbeth, wir wollen sie nur aus den ganzen Diskussionen raus halten. Sie ist zu sensibel, sie würde es nicht verstehen." Ob ich für irgendetwas zu sensibel war, wagte ich ernsthaft zu bezweifeln, aber ich verstand tatsächlich nicht, um was es ging. Mir gefiel es nicht, dass ich aus dieser Entscheidung ausgeschlossen wurde, wütend drückte ich mich an das Holz, um auch noch etwas verstehen zu können, wenn die Erwachsenen anfingen leiser zu sprechen. Plötzlich krachte es hinter mir. Das Geräusch war laut und es klang so, als würde ein Sack voller Metall die alte Stiege, die in das obere Stockwerk führte, hinunter fallen. Mit einem klirrenden Plumps landete es am unteren Ende und Ruhe kehrte ein. Ich war erschrocken von der Tür zurückgesprungen und hatte mich mit dem Rücken an die Wand gepresst. Im Wintergarten wurde ein Stuhl über den Boden gerutscht. "Was war das?", fragte meine Mutter besorgt und ich konnte hören, wie ihr Sommerkleid beim Aufstehen knisterte. "Lass, das wird Thea sein. Wir sollten das hier jetzt klären!", antwortete mein Vater in einem scharfen Ton, den ich nicht von ihm kannte. Stille kehrte ein und ich wagte wieder zu atmen, doch irgendetwas beunruhigte mich. Ein beklemmendes Gefühl hatte mich erfasst und begann Besitz von mir zu ergreifen. Vorsichtig rutschte ich an der Wand entlang, in der Annahme, dass es die Angst erwischt zu werden war, die mich da ergriff. Doch als ich die Ecke erreichte, an der ich den Gang entweder in Richtung See oder Hauseingang verlassen konnte, spürte ich plötzlich, woher dieses Gefühl rührte. Die Stiege war nun sehr nah, nur ein paar Schritte gerade aus. Mir schien es, als wäre es dort dunkler, als es sein dürfte. Als würde von dort ein Flüstern kommen und ein widerlicher Gestank. Ich wollte fliehen, doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Meine Beine wollten mich nicht länger tragen und um nicht wie ein gefällter Baum zu stürzen, drückte ich mich hilflos gegen die Wand, die mir kühl und stabil Halt gab und gleichzeitig mich dem Etwas auslieferte. Die Holzdielen gaben unter schweren Schritten nach. Schwere Schritte, die sich auf mich zu bewegten. Mein Herz schlug immer schneller, trommelte gegen meinen Brustkorb bis er schmerzte. Ich konnte nur zitternd Luft holen, doch die Luft brannte bei jedem Atemzug wie Feuer. Panisch schloss ich meine Augen und redete mir ein, da wäre nichts, dass meine Phantasie mir etwas vorgaukle, doch das Geräusch der Schritte hörte erst kurz vor mir auf. Und jetzt konnte ich jemanden spüren. Es berührte mich nicht, aber ich spürte, dass es da war. Dass es atmete und dass es groß war. Dann erreichte mich der deutlichste Beweis dafür, dass es keine Einbildung war: Mir schlug sein Atem ins Gesicht. Ein Atem, der nach Fäulnis und Verwesung roch, nach modrigen Sümpfen und so, wie ich mir den Geruch des Todes vorstellte. Meine Augenlider flatterten. Ich konnte nicht mehr atmen. In einem letzten Akt der Verzweiflung stieß ich mich von der Wand ab, schlug mit meinen Händen um mich und rannte.

31.10.14 17:38

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